Teil 2 – Küsten, Kurven, Chaos: Von Gythio bis Pasman
Du hast den ersten Teil der Griechenlandreise noch nicht gelesen?
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Gythio: Leuchtturm, Fußweg, Schotter
Wir rollen nach Gythio, weil da ein besonders schöner Leuchtturm stehen soll. Unterwegs finden wir ein altes Schiffswrack. Die Zufahrt wirkt wie ein improvisiertes Labyrinth: Spaziergänger flanieren, Fischer richten Boote für die Nacht, und wir tun so, als wüssten wir, was wir tun. Später erfahren wir, dass die Strecke eigentlich ein Fußweg war – Markus ist ja gehfaul und Jenny hatte genug damit zu tun, die Schotterpiste nicht in moderne Kunst zu verwandeln oder als Motorradwrack im Hafen zu landen. Obligatorisches Foto gemacht, Leuchtturm steht noch, wir auch. Weiter gehts…
Google führt uns durch Chrani (wir haben Mittag dort ein Zimmer gebucht) wie ein leicht beschwipster Tourguide: zehn Runden durch enge Gassen, bis ein freundlicher Herr winkt. Er lotst uns zur Unterkunft. Später stellt sich heraus: er betreibt mit seiner Frau das beste Fischlokal der Umgebung. Wir gehen hin, genießen – und sind vor allem stolz, dass wir dieses Mal nicht wieder im Kreis fahren. Kleine Siege sind auch Siege.
Soveren: Männerspielplatz mit unfreiwilligem Fitnessprogramm
Am nächsten Tag ganz zufällig gefunden – ein abgelegener Strand, Markus nennt es Männerspielplatz. Ich nenne es Fitnessstudio ohne Vertrag: einmal nicht aufgepasst, schon liegt er wieder unterm Bike. Mehrfaches Hochwuchten inklusive und spart die Monatsgebühr. Jenny sollte sich mal angewöhnen anstatt zu helfen lieber zu lachen und die Kamera zu zücken, wenn Markus wieder mit seinem Bike auf der Seite liegt. Dann können wir das endlich mal für die Nachwelt festhalten.
Nea Manolada: Flipflops, Meerblick, und der elegante Werteverfall
Nea Manolada empfängt uns mit Flipflops, Meerblick und einem ganz eigenen Verständnis von Eleganz – irgendwo zwischen mediterraner Gelassenheit und charmantem Werteverfall. Die Hauptstraße verwandelt sich bei Einbruch der Dunkelheit in eine improvisierte 50‑Kubik‑Moped‑Meisterschaft. Geschwindigkeit spielt dabei keine Rolle, Lautstärke hingegen umso mehr. Jeder Motor klingt, als hätte jemand einen Rasenmäher gestimmt und anschließend beschlossen, damit Kunst zu machen.
Wir sitzen am Straßenrand, lehnen uns zurück und lassen die Geräuschkulisse wie ein Live‑Konzert auf uns wirken. Es gibt keine Jury, keine Regeln, keinen Sieger – nur ein Dorf, das sich kollektiv am eigenen Lärm erfreut. Und irgendwie macht genau das den Abend perfekt.
Koronisia: Straße ins Meer und ein Dorf mit Kassenbon-Mentalität
Die Straße nach Koronisia fühlt sich an, als hätte jemand vergessen, der Realität zu sagen, dass sie hier eigentlich enden sollte. Google flüstert uns ins Ohr: „Da gibt’s eine Straße mitten im Meer.“ Wir glauben’s – natürlich glauben wir’s – und fahren los. Was wir nicht wissen: Es gibt zwei Straßen. Eine davon ist offiziell, asphaltiert, fotogen. Die andere ist… nun ja… ein Schotterabenteuer, das sich als Sackgasse tarnt und uns zuerst in die Falle lockt.
Die falsche Straße: Schotter, Staub und ein bisschen Trotz
Die erste Abzweigung wirkt vielversprechend. Ein schmaler Schotterweg, der sich mutig Richtung Wasser schiebt. Wir folgen ihm, weil wir neugierig sind – und weil Motorräder Schotter mögen, zumindest theoretisch. Der Weg wird enger, das Meer kommt näher, und irgendwann wird klar: Das hier führt nirgendwo hin. Eine Sackgasse, aber eine schöne. Links glitzert das Wasser, rechts glitzert das Wasser, und wir stehen dazwischen wie zwei Menschen, die gerade eine Postkarte betreten haben, die jemand falsch gedruckt hat.
Die echte Straße: Asphalt zwischen zwei Welten
Also zurück, einmal tief durchatmen, und dann finden wir sie: die offizielle Straße, die wirklich mitten durchs Meer führt. Kein Trick, kein Photoshop, einfach ein schmaler Asphaltstreifen, der sich wie ein Gedanke durchs Wasser zieht. Links eine spiegelnde Lagune, rechts das offene Meer – und wir mittendrin, plötzlich ganz leise.
Der Gasgriff wird automatisch sanft, als hätte das Wasser links und rechts eine Fernbedienung für unsere Hände. Die Luft riecht nach Salz und Weite, und jeder Meter fühlt sich an wie ein kleiner Zaubertrick. Wir fahren langsamer, nicht weil wir müssen, sondern weil wir nicht wollen, dass es endet.
Koronisia selbst empfängt uns mit offenen Armen – und offenen Geldbörsen. Ein Dorf, das gelernt hat, wie man Besucher professionell melkt: Tavernen, Souvenirs, ein bisschen Charme, ein bisschen Geschäftssinn. Es ist nicht schlimm, es ist einfach so. Man weiß, was man hier ist: Gast und Einnahmequelle zugleich.
Aber die Straße dorthin? Die bleibt großes Gefühl, kleines Grinsen. Ein Moment, der sich in die Reise brennt, weil er so unwirklich ist, so ruhig, so anders.
Arta – Trikala – Meteora: Natur, Zweifel, Erhabenheit
Unser Weg führt uns ins Landesinnere, hinein in stundenlange Natur. Drei, vielleicht vier Stunden nur Kurven, Bäume und dieses Gefühl, dass die Welt hier einfach weiterläuft, auch ohne Menschen. Irgendwann fragt man sich, ob hinter der nächsten Biegung wirklich noch etwas anderes kommt als der nächste Hund, der uns mit schiefem Kopf mustert. Die meisten lassen sich mit einem Früchteriegel überzeugen, dass wir Freunde sind. Hunger macht also nicht nur Markus ungemütlich – offenbar auch die lokale Tierwelt.
Meteora Klöster – einfach nur überwältigend
Griechenland – Meteora am Abend fühlt sich an, als würde jemand die Welt kurz auf „leise“ stellen. Die Busse sind weg, die Selfiesticks verschwunden, und was bleibt, sind Glockenspiele aus den Klöstern, Wind, der an den Felsen kratzt, und eine Landschaft, die einen ohne Vorwarnung auf Handtuchgröße schrumpfen lässt. Markus flüstert „Märchen“, und ich denke „kaputtes Sitzfleisch, aber ja – märchenhaft trifft’s ziemlich gut.“
Die Felsen stehen da wie uralte Wächter, hoch, glatt, fast unverschämt majestätisch. Man versteht sofort, warum Mönche sich ausgerechnet hier zurückgezogen haben: Wer hier oben lebt, ist automatisch näher am Himmel – und weiter weg von allem, was unten nervt. Die Klöster kleben an den Felswänden wie Schwalbennester, jedes mit einer eigenen Geschichte, die man fast spürt, bevor man sie liest. Jahrhunderte alt, von Hand gebaut, mit Wegen, die früher nur über Leitern erreichbar waren. Heute läuft man einfach hin – und trotzdem fühlt es sich an, als würde man eine Grenze übertreten.
Am Abend gehören die Meteora Klöster denjenigen, die warten können. Die Felsen glühen in warmem Orange, die Schatten werden länger, und plötzlich wirkt alles stiller, größer, echter. Die Klöster verlieren ihren touristischen Trubel und bekommen etwas Feierliches zurück. Genau die richtige Entscheidung, erst jetzt herzukommen.
Wir stehen da, schauen, sagen wenig. Manchmal braucht es keine Worte, nur Felsen, Licht und das Gefühl, dass man gerade an einem Ort ist, der sich nicht um einen kümmert – und einen genau deshalb so beeindruckt. Hier könnt ihr mehr erfahren über die Meteora Klöster: https://whc.unesco.org/en/list/455/
Die atemberaubende Vikos‑Schlucht: Tiefster Canyon Europas
Die Vikos-Schlucht in Griechenland ist kein Spaziergang, sondern eher ein Schlag ins Gesicht der Geografie: fast 20 Kilometer lang, bis zu 1000 Meter tief und so schmal, dass man sich fragt, ob die Natur hier einfach Spaß am Übertreiben hatte. Unten rauscht der Voidomatis‑Fluss, oben hängen die Felsen wie Kulissen eines schlechten Fantasyfilms – nur dass es echt ist. Wer dort steht, fühlt sich winzig, und selbst Markus war kurz sprachlos (was selten vorkommt). Es ist einer dieser Orte, an denen du merkst: die Welt ist groß, du bist klein, und dein Müsliriegel reicht hier maximal als Symbol für Überlebenswillen.
Wir sind zuerst in einem Touristen-Hotspot gelandet, in dem man vor dem Restaurant noch nicht einmal die Motorräder stehen lassen dufte.
Aber am Parkplatz Gebühren zahlen und dann zu utopischen Preisen ein Wasser kaufen sollten wir…. aber nicht mit uns. Uns gehen diese Hotspots sowieso auf die Nerven. Wir sind lieber in kleinen lokalen Restaurants, bei denen man noch die Gastfreundschaft spürt und die Einheimischen kennenlernt. Hier lassen wir gern auch mal großzügig Trinkgeld, wenn wir uns wohl fühlen.
Weiter oben haben wir einen kleinen Viewpoint gefunden, der ruhig und nicht überlaufen war. Hier konnte man die Aussicht genießen und diese grandiose Schlucht von oben bewundern.
Albanien Ksamil: Rooftop-Bar und das Pflegestufe-Programm für die Seele
Über Sarande in Albanien nach Ksamil haben wir uns ein Hotel gesucht um ein paar Tage auszuspannen. Es wurde ein Hotel mit Rooftop-Bar, Frühstück oben, Meerblick überall. Wir tun, was man selten plant: nichts. Seele lüften, Helm auslüften, weiterleben.
Saranda – Vlora: Küstenstraße und Offroad-Paradies
Für uns die schönste Küstenstraße Albaniens bisher. Unser Geheimtipp am Ende: eine Halbinsel hinter grünen Zweifeln, schlechten Straßen und dann: Paradies. Kleine Hütten und ein großer Pool, Offroad vor der Tür, einsame Buchten, Sonnenuntergänge mit maximaler Kitsch‑Intensität. Wir bleiben zwei Nächte und tun so, als wären wir vernünftig. Natürlich nicht! Abends ging es kreuz und quer über die Halbinsel, die förmlich nur aus Offroad‑Strecken bestand. Zwischendurch etwas Romantik, aber dann ging es wieder ins Gelände.
Mit jedem Kilometer wurde klarer, dass dieser Ort mehr ist als nur ein Zwischenstopp – er ist ein kleines Abenteuerland, das man fast für sich allein hat. Die wenigen Menschen, die wir trafen, wirkten genauso überrascht wie wir, hier gelandet zu sein. Tagsüber hörte man nur das Zirpen der Grillen und das leise Plätschern des Pools, abends das Knattern unserer Motoren, wenn wir wieder loszogen, um die nächste versteckte Bucht zu entdecken. Es war einer dieser Orte, an denen man merkt, dass Reisen manchmal einfach nur aus Zufall, Staub und perfekten Momenten besteht.
Skutarisee: Albanien verabschiedet, Montenegro vergisst den Charme
Albanien verabschiedet sich mit Weite, Licht und diesem Gefühl, dass die Straße plötzlich größer wirkt als das ganze Land. Montenegro hingegen begrüßt uns mit einer Mischung aus Geschäftssinn und leicht genervtem Grundton. In Virpazar scheint alles käuflich zu sein: Zimmer, Bootstouren, Parkplätze, wahrscheinlich sogar die Illusion von Ruhe – und das zu Preisen, die wirken, als hätte jemand die Nullen versehentlich dringelassen. Die Verkäufer sind hartnäckig, die Angebote laut, und wir merken schnell, dass wir hier nicht zum Schauen, sondern zum Zahlen erwartet werden.
Durmitor war unser eigentliches Ziel, aber der Süden Montenegro hat uns so sehr ausgebremst, dass die Motivation irgendwo zwischen Abzocke und Parkplatzchaos liegen geblieben ist. Die Enttäuschung sitzt tief genug, dass wir den Plan verwerfen und weiterziehen. Vielleicht braucht es einfach einen zweiten Anlauf – einen Moment, in dem die schlechten Eindrücke verblasst sind und wir wieder offen sind für das, was Montenegro eigentlich zu bieten hat.
Campingplatz Prapratno: Drei Bäume, zwei Hängematten, null klassische Campinglogik
Am selben Tag rollten wir mit dem Motorrad noch nach Podaca in Kroatien und stolperten über einen kleinen, feinen Campingplatz. An der Rezeption fragten wir höflich, ob sie zufällig drei Bäume hätten – für unsere Hängematten. Die Reaktion: große Augen, Gelächter, und erst als klar wurde, dass wir es ernst meinten, brach das Gelächter richtig los. Der Platzwart meinte nur: „Normale Leute kommen mit Zelt oder Wohnmobil, aber so eine Anfrage hatte ich noch nie.“ Bäume gäbe es genug, wir sollten halt mit den Mopeds durch den Platz fahren und ihm dann sagen, wo wir fündig geworden sind. Also starteten wir unsere Maschinen und tuckerten durch den Campingplatz, während alle Augen auf uns gerichtet waren. Jeder fragte sich, was die zwei Chaoten da eigentlich treiben – außer Lärm. Wir wurden fündig: drei Bäume, perfekt für unsere Hängematten, zwischen drei Stellplätzen. Das Gelächter war vorprogrammiert, und als wir es dem Platzwart erklärten, grinste er nur breit. Ab da waren wir die Attraktion des Campingplatzes. Die Preisgestaltung war kreativ, aber wir konnten nicht ablehnen. Als wir nach Strom fragten, lachte er nur: „Kein Zelt, aber Strom wollt ihr? Logisch. Sucht euch einfach einen Schrank.“ Gesagt, getan – und alle lachten mit. Genau das war das Wichtigste: Spaß statt Regeln. Wir blieben nur eine Nacht, denn unser eigentliches Ziel Pasman lag schon vor uns.
Pasman & Heimritt: Sovinje, Durchatmen, 720 km Wahrheit
Pasman, Sovinje: Wieder mal unser Lieblingscampingplatz, dieses Mal mit Hängematten, Sonne, Kopf sortieren und etwas ausspannen. Auch das gehört zu einem Motorrad-Urlaub dazu. Danach einmal 720 km am Stück nach Hause. Sitzfleisch kaputt, Humor heil. Und die Erinnerung? Bleibt. Genau deshalb machen wir den ganzen Zirkus: Chaos mit Aussicht.
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